Situation und Friedenschancen im Nahen und Mittleren Osten

Referat auf der Internationale Friedenskonferenz »Visionen zu Frieden und Sicherheit Luzern 1905-2005.«

Guten Tag meine Damen und Herren, zuerst einmal möchte ich mich für die Einladung bedanken. Es ist mir eine besondere Freude, hier reden zu dürfen – denn als Journalist, für den Frieden und Menschenrechte zentrale Werte bilden, ist es schwer über Kriege zu berichten, ohne diesen Aspekt immer würdigen zu können, wie es eigentlich notwendig wäre.Dabei arbeite ich in einer Region, die sich seit Ende des 2. Weltkrieges, also seit 60 Jahren, im Kriegszustand befindet – einem Zeitraum, in dem der Mitteleuropa den längsten Frieden in der Neueren Geschichte erlebt. Der Nahe und Mittlere Osten ist – wie kein anderes Gebiet der Welt – durch Bürgerkriege, zwischenstaatliche Kriege, Revolutionen und Terror geprägt.

45 Jahre lang wurden diese Konflikte heruntergespielt. Ja ihnen wurde in Europa weitgehend mit Gleichgültigkeit begegnet. Dies hat sich erst seit Ende des Kalten Krieges und der Auflösung des Lagers der sozialistischen Staaten grundsätzlich geändert. Heute sind der Nahe und Mittlere Osten Hauptschauplatz des von den USA geführten „Krieges gegen den Terrorismus“.

Diesen neuen Krieg habe ich mit seinen „Schlachten“ und „Vorgefechten“ erlebt. Unter den Schlachten im Krieg gegen den Terror verstehe ich die von den USA geführten Angriffe gegen Afghanistan im Jahre 2001 und gegen Irak im Jahre 2003.

Die Vorgefechte sind zum Beispiel die israelisch-arabischen Kriege, der Bürgerkrieg im Libanon und der Krieg zwischen Iran und Irak in den achtziger Jahren. Sie haben die Entwicklung der Region schwer be- und zum Teil sogar verhindert und die Menschen im Nahen und Mittleren Osten traumatisiert. In Europa sind diese Kriege nicht einmal richtig wahrgenommen worden.

Die Araber sehen in der Gründung des Staates Israel und in dem von den Vereinten Nationen beschlossenen Plan, das historische Palästina 1948 zu teilen, einen äußeren Angriff auf die Region. Aus der Rückschau entpuppt es sich als Wahnsinn und als schwerer Fehler, dass die internationale Gemeinschaft die Realisierung des Teilungsplanes nicht erzwungen hat. Und dieser Fehler setzt sich bis heute fort. Wenn es um den palästinensisch-israelischen Konflikt geht, werden UN-Resolutionen nicht ernst genommen und deren Umsetzung nicht angemahnt oder gar erzwungen. Dabei sind diese Resolutionen eine geeignete Grundlage, um den Konflikt zu lösen. Für Palästinenser oder grundsätzlich für Araber ist es absurd, wenn die internationale Staatengemeinschaft Israels Weigerung, sich aus den 1967 besetzten Gebieten zurückzuziehen, duldet, aber auf die irakische Besetzung Kuwaits mit einem Krieg antwortet.

Für die meisten Araber ist die Räumung der israelischen Siedlungen im Gaza-Streifen auch nicht das Ergebnis internationaler Friedensbemühungen, sondern Resultat der Terroraktionen radikaler Palästinenser. Ähnlich wurde auch Israels Rückzug aus dem Süden Libanons bewertet. In diesem Schritt sehen Araber eine Reaktion Israels auf die Dauerangriffe der schiitischen Hizbollah-Milizen.

Während im Westen in Angriffen der Hizbollah und in Anschlägen von Palästinensern Terrorakte gesehen werden, gelten diese Aktionen für die meisten Menschen im Nahen und Mittleren als Mittel, politische Ziele durchzusetzen. Die Menschen im Orient sind nicht bereit, Appelle oder Forderungen des Westens zu befolgen, auf Angriffe und Terror zu verzichten, solange die internationale Staatengemeinschaft sich nicht bemüht, die Befolgung von UN-Resolutionen zu erzwingen.

Das bisherige Scheitern der internationalen Bemühungen zur Lösung des arabisch-israelischen Konfliktes verstärkt das Auseinanderklaffen der Wertesysteme zwischen dem Morgen- und dem Abendland, also dem Orient und dem Westen. Im Orient entsteht ein Misstrauen, Friedensforderungen werden nur zu leicht als Taktik zur Durchsetzung eigener Interessen in einer globalen Auseinandersetzung interpretiert.

Neben dem Nahost-Konflikt war es der iranisch-irakische Krieg, der dieses interkulturelle Misstrauen gestärkt hat. In den Gefechten dieses längsten zwischenstaatlichen Krieges nach Ende des zweiten Weltkrieg starben hunderttausende Menschen. Auch in diesem Konflikt gab es keine intensiven internationalen Bemühungen, die Kämpfe zu beenden. Im Gegenteil, Irak und Iran wurden meist von den gleichen Staaten mit Waffen und Material für die Kriegsführung beliefert. Zum Teil war die Ausrüstung auf beiden Seiten der Front identisch. West und Ost belieferten beide Seiten und halfen damit, den Krieg zu verlängern. Und als der von Saddam Hussein regierte Irak im großen Stil chemische Waffen gegen Iran einsetzte, bleib der Aufschrei der internationalen Staatengemeinschaft aus. Es gab nicht einmal eine UN-Resolution, in der die Nutzung der geächteten Kampfstoffe verurteilt wurde. Zwanzig Jahre später wurde Irak von den USA und deren Verbündeten mit der Begründung angegriffen, das Land besitze chemische Waffen.

Wenn die Staaten des Westens vor 20 Jahren dem iranisch-irakischen Krieg mit Gleichgültigkeit begegneten und ihn sogar durch Waffenlieferungen, durch die Weitergabe von Aufklärungserkenntnissen und andere Maßnahmen verlängern halfen, registrieren das nicht nur die Betroffenen in der Region mit großem Misstrauen. Denn nicht nur den Kriegsparteien war bewusst, dass die beiden großen Regionalmächte gegeneinander gehetzt werden sollten um sie zu schwächen.

Nur um Ihnen ein Beispiel zu nennen: Während der US-Unterhändler McFarlain persönlich panzerbrechende Waffen nach Teheran brachte, mit deren Einsatz iranische Kommandos den irakischen Ölhafen Fao besetzen konnten, erhielt der irakische Generalstab Informationen der US-Aufklärung über iranische Truppenbewegungen an anderen Abschnitten der 1000 km langen Front. Ein iranischer Durchbruch, der kriegsentscheidend hätte sein können, sollte verhindert werden. Glauben Sie mir, bei diesem Beispiel handelt es sich nicht um eine Spekulation oder eine Erfindung eines Verschwörungstheoretikers. Noch einmal: McFarlain war in Teheran und brachte Waffen und die CIA belieferte die Gegenseite mit militärisch bedeutsamen Informationen.

Wen wundert es, wenn in der Region dem Westen nur noch in Ausnahmefällen lautere Absichten unterstellt werden, und politische Entwicklungen auch nur zu oft mit Verschwörungstheorien erklärt werden. Bis heute glauben viele Iraker zum Beispiel, dass Saddam Hussein für seinen Angriff auf Kuwait eine stillschweigende Zustimmung der US-Regierung erhalten hatte. So war Saddam Hussein noch Stunden vor dem Angriff der Alliierten überzeugt, die USA würden zur Befreiung des Scheichtums Kuwait keinen Krieg führen.

Die US-Politik ist auch schwer nachzuvollziehen. Nach der Niederlage wurde Saddam Hussein der Einsatz von Panzern, Artillerie und Hubschraubern gegen die Opposition im Inneren zugestanden. Die Waffenstillstandsvereinbarungen wurden unterschrieben, als die Gegner Saddam Hussein bereits die Hälfte des Landes kontrollierten. Und das von den USA, deren Präsident Bush sen. die irakische Opposition zu Beginn des Krieges zum Aufstand aufgerufen hatte. Ab 19. Oktober steht Saddam Hussein u.a. wegen der Ermordung revoltierender Schiiten und wegen des Giftgaseinsatzes gegen Kurden während des iranisch-irakischen Krieges vor Gericht.

Europäer sehen in diesem Prozess die Aburteilung eines Diktators, der sich unzähliger Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat zu Schulden kommen lassen. Kritiker der USA sehen darin einen Versuch, den Angriff auf den Irak zu rechtfertigen, nachdem der offizielle Kriegsgrund – also Iraks Besitz von Massenvernichtungswaffen – nicht bestätigt werden konnte. Den USA wird Doppelbödigkeit als Grundprinzip des politischen Handels unterstellt und ihnen werden lautere Absichten abgesprochen.

Auch im Bereich des Terrors durchzieht eine Doppelbödigkeit die Haltung der europäischen Staaten und des Westens generell. Die Verbrechen der Terroristen im Irak stoßen auf Abscheu und Ablehnung. Deren Vordenker und Anführer waren bereits am Krieg gegen die sowjetischen Besatzungstruppen in Afghanistan beteiligt. Die arabischen Legionäre, die von Osama Ben Laden organisiert wurden, haben ihre Technik im Kampf gegen die sowjetischen Truppen gelernt und wurden in Afghanistan und Pakistan ausgebildet. Die arabischen und die afghanischen Modjehedin waren oft unglaublich grausam. Diese Verbrechen wurden nicht nur geduldet, sondern als Widerstand gegen Besatzungstruppen gerechtfertigt. Modjahedin-Führer Hekmatiyar kämpft heute genau wie die Taleban in Afghanistan gegen die US-Truppen. Nach dem Rückzug der Roten Armee haben die „Araber“ gegen das von der Sowjetunion installierte Nadjibullah-Regime gekämpft. In Moskau wurden diese Kräfte als Terroristen bezeichnet – im Westen nannte man sie Befreiungskämpfer. Die Parallelen zur derzeitigen Situation im Irak sind nicht zu übersehen. Doch damit nicht genug: Nach dem Sturz des Nadjibullah-Regimes führten die afghanischen Modjahedin einen fürchterlichen Bürgerkrieg. Zehntausende von Toten wurden von den Staaten, die die Modjahedin aufgerüstet hatten, weitgehend ignoriert.

Das änderte sich nach dem 11. September schlagartig. Wenn in den Staaten des Westens Menschen sterben, ist Krieg gerechtfertigt.

Was meinen Sie – wie wirkt ein solches Auftreten auf die Menschen des Orients? Dort heißt es oft, der Krieg zum Sturz der Taleban sei nur geführt worden, um Afghanistan wegen seiner strategischen Lage für Ölpipelines und wegen der Pufferfunktion zwischen Orient und China zu kontrollieren.

Jetzt zum zweiten Krieg zwischen den USA und Irak – dem Krieg zum Sturz Saddam Husseins.

Bereits dessen Vorbereitung enthält Vertrauen zerstörende Momente. Die wohl größte Hypothek, die anschließend nicht eingelöst werden konnte, war die Begründung für den Krieg selbst. Es geht um die Behauptung, Saddam Hussein sei im Besitz von Massenvernichtungswaffen. Als UN-Inspektoren diese nicht fanden, nahmen US-Präsident Bush und Großbritanniens Premier Tony Blair die Suche in die eigene Hand. Um das tödliche Arsenal des irakischen Diktators aufzuspüren und zu vernichten, sei Krieg notwendig, erklärten die beiden Staatsmänner der skeptischen Weltöffentlichkeit. Und sie begannen den Krieg trotz weltweiter Proteste.

Die angeblich die Welt bedrohenden Massenvernichtungswaffen wurden nie gefunden – und werden heute nicht einmal mehr gesucht.

Vertrauen ernten die beiden Politiker dafür nicht und bezahlen müssen deren fehlerhafte Politik nicht nur die Bürger ihrer Länder mit Steuergeldern, sondern immer mehr Menschen mit ihrem Leben.

Dabei war der Krieg selbst – also die Eroberung Iraks – phantastisch geplant, vorbereitet und durchgeführt. Phantastisch, weil alles bedacht wurde, was für d i e E r o b e r u n g dieses Landes zu berücksichtigen war. Das beginnt bei der psychologischen Vorbereitung der Weltöffentlichkeit und der irakischen Bevölkerung und endet bei den Planungen zur Beeinflussung der Kommunikationsstrukturen der irakischen Streitkräfte.

Den Untertanen Saddam Husseins wird im Vorfeld des Krieges signalisiert: diesmal wird es bitter ernst – Widerstand ist zwecklos.

Ich war in den Wochen vor Kriegsbeginn in Bagdad und kann sagen, dass dieses Drohgehabe eine enorme Wirkung zeigte. Nur die wenigsten Iraker waren noch bereit, für Saddam Hussein zu kämpfen und sie signalisierten dies auch.

Denn auch in den Medien inszenierte Täuschungsmanöver und Propagandafeldzüge haben ihren Beitrag für den schnellen militärischen Erfolg geleistet. Dabei wird nicht nur der Feind, sondern auch die eigene Öffentlichkeit falsch informiert. Denn im Zeitalter des Echtzeitkrieges – also eines Krieges der Live im Fernsehen übertragen wird – ist die Täuschung der eigenen Öffentlichkeit Voraussetzung, den Gegner in die Irre führen zu können. Und so dienen die Pressekonferenzen und täglichen Briefings von Offizieren natürlich nicht in erster Linie der Information über den Verlauf oder die Entwicklung der Kämpfe.

Tommy Franks, der Oberkommandierende der USA ist im Nachhinein schonungslos offen: „Wir wollten eine Kombination aus zwei Dingen: Einerseits sollte die Öffentlichkeit von unseren Plänen möglichst wenig erfahren, und andererseits sollte das irakische Regime getäuscht werden, damit es genau so reagieren würde, wie wir es wollten.” Meine Damen und Herren, das ist ein Zitat von Tommy Franks.

„Operation Iraqi Freedom“ also „Operation Irakische Freiheit“ lautet der Name des Krieges für die US-Militärs. Doch Befreiung ist wesentlich schwieriger, als die Besetzung eines Landes.

Das ist keine akademische Debatte. Denn als Besatzer haben Soldaten die Aufgabe, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Die Militärs übernehmen staatliche Aufgaben, da sie ja den Staatsapparat beseitigt haben. Im Rückblick wird überdeutlich, wie schwerwiegend und folgenreich der Fehler der US-Einheiten in Bagdad war, als sie tatenlos Plünderern zusahen, statt ihnen das Handwerk zu legen. 48 Stunden haben im April vor zwei Jahren die Glaubwürdigkeit der siegreichen Truppen entscheidend geschwächt.

Wenn US-Präsident George W. Bush zwei Wochen später an Bord des Flugzeugträgers „Abraham Lincoln“ davon spricht, die Mission sei erfüllt und vor begeisterten Kriegsheimkehrern sagt: „America is grateful for a job well done“ also „Amerika ist dankbar für den gut ausgeführten Auftrag“, können die Menschen im besetzten Irak diese Wertung nicht mehr nachvollziehen. Denn sie erwarten von der Supermacht USA auch schnelle Hilfe, also ein Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. Daran messen sie, ob die USA einen Auftrag gut ausgeführt haben.

Die große Katastrophe für die USA besteht darin, dass die Militärs die Eroberung Iraks zwar extrem genau planen, aber keine Vorstellung von den Problemen bei dem Aufbau einer Zivilgesellschaft haben. Bis heute scheint Präsident Bush sehr naiv zu sein, wenn er sagt: „Wenn eine Krise heranreift oder Hilfe notwendig wird, werden die USA bereit sein. Eine Lektion, die wir im Irak gelernt haben, besteht darin, dass das Militär schnell und überall auf der Welt eingesetzt werden kann, aber das das selbe nicht für US-Regierungsmitarbeiter gilt.“

Es ist absurd, zu glauben, die Probleme eines besetzten Landes wie Irak könnten durch schnelleren Einsatz von US-Regierungsmitarbeitern gelöst werden.

Deutlicher kann man Misstrauen gegenüber der Bevölkerung eines anderen Landes kaum ausdrücken. Als ob es im Irak keine Menschen gäbe, die in der Lage wären, das Land aufbauen zu können. Statt gezielt, Beamte und Angestellte des alten Regimes auswählen, um mit ihnen die aktuellen Probleme zu lösen den Neuaufbau anzustreben, werden Hunderttausende entlassen und ohne Abfindung und mit völlig unzureichenden Zahlungen nach Hause geschickt.

So haben sechs Wochen nach dem Fall Saddam Husseins Offiziere der aufgelösten irakischen Armee dem damaligen US-Zivilverwalter Paul Bremer ihre Dienste angeboten, mit US-Offizieren eine neue irakische Armee aufzubauen. Anstatt das Angebot zu nutzen, verkündete Bremer die Entlassung der Kooperationsbereiten und strich ihnen oben drein noch nahezu alle Zahlungen.

Fünf Tage später versammelten sich die Abgewiesenen im Zentrum von Bagdad erneut und verkündeten, sie würden ihr Kooperationsangebot zurückziehen und so stand es auf einem Plakat – als ´lebendige Bomben´ zurückkehren.

Hinzu kommt die Unfähigkeit, den Irak wirtschaftlich und sozial zu entwickeln. Auch dies ist ein Grund für die enormen Probleme der USA im Irak. Dabei hat die US-Regierung allein im Oktober 2003 18,6 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau bereitgestellt. Das Geld kann aber wegen der fehlenden Sicherheit nicht ausgegeben werden. Es gäbe genügend Projekte, doch die Gefahr für Planer und Techniker ist so groß, dass z.B. mit dem Bau von vielen der geplanten Kraftwerken, Kläranlagen oder Raffinerien nicht begonnen wird.

Und es passiert etwas Verrücktes. Die ausländische Hilfe, eigentlich gedacht, um wirtschaftliche und soziale Probleme zu lösen, wird genutzt, um Sicherheitsmaßnahmen zu finanzieren.

Eines der Beispiele: Allein im August vergangenen Jahres hat der damalige US-Botschafter im Irak, Negroponte, 3,16 Milliarden Dollar, die für den Wiederaufbau der Infrastruktur vorgesehen waren, in die Aufstellung und Ausbildung von Sicherheitstruppen umgeleitet.

Wollten die USA den Irak nach dem Sturz Saddam Husseins noch entmilitarisieren, so ist jetzt ihr oberstes Ziel, so schnell wie möglich einen neuen Sicherheitsapparat aufzubauen. 240 000 Polizisten, Soldaten und Geheimdienstmitarbeitern sollen Sicherheit schaffen. 190 000 arbeiten heute bereits im Sicherheitsapparat des neuen irakischen Staates.

Saddam Hussein wird in seiner Gefängniszelle im Flughafen von Bagdad frohlocken, wenn er beobachtet, wie die Sicherheitsausgaben des irakischen Haushaltes andere, eigentlich notwendigere Investitionen blockieren.

Diese sicherheitspolitische Katastrophe haben die US-Truppen zu einem großen Teil auch selbst zu verantworten. Ihr brutales und nur zu oft dem Völkerrecht Hohn sprechendes Auftreten, hat zur Eskalation der Gewalt entscheidend beigetragen.

Die Folterbilder von Abu Graibh, dem Gefängnis bei Bagdad, sind für Europäer schockierend, für Betroffene und deren Familien und Clans gibt es nur eine Reaktion – Rache.

Glauben Sie mir, die Folterungen und ihre halbherzige Verurteilung hat entscheidend dazu beigetragen, die Gräben zwischen den US-Truppen und ihren Feinden nahezu unüberbrückbar gemacht.

So stehen die USA heute vor Problemen, die Präsident und seine Berater auch Monate nach dem Sturz Saddam Husseins wahrscheinlich nicht einmal ahnten.

– Die Besetzung Iraks hat den internationalen Terror nicht geschwächt, sondern stärkt ihn.

– Die USA haben sich in einen neuen Krieg manövriert.

Für mich besteht kein Zweifel, dass die USA derzeit den dritten Irak-Krieg führen:

Nr. 1 war der zur Befreiung Kuwaits.

Nr. 2 der zum Sturz Saddam Husseins

und Nr. 3 ist der jetzige – ein Krieg zur Kontrolle Iraks.

Und dieser Krieg ist für die US-Truppen so schwer zu gewinnen, weil der Feind aus dem Hinterhalt zuschlägt und immer brutaler wird. Es ist ein Krieg, der die Normalisierung des Lebens bis auf weiteres verhindern wird.

Belastet mit derartigen Hypotheken haben sich die Staaten Europas und die USA auf eine Auseinandersetzung mit Iran in der Atomfrage eingelassen. Iran soll freiwillig auf Teile der nach internationalen Vereinbarungen erlaubten friedlichen Nutzung der Atomtechnologie verzichten.

Das wird in Teheran abgelehnt und als Versuch gewertet, den Aufstieg der Islamischen Republik zur regionalen Supermacht zu stoppen.

Auch wenn die Mehrheit der 70 Millionen Iraner deutliche Vorbehalte gegen das im Iran etablierte islamische System hat, bei äußerer Bedrohung wird es ein Zusammenrücken der Bevölkerung geben.

Und anders als die Iraker vor zweieinhalb Jahren werden die Iraner bei einem Angriff erbitterten Widerstand leisten. Die Iraner wollen keinen Krieg – weder die Regierung – noch die Bevölkerung. Aber man darf die Kampf- und die Opferbereitschaft der Menschen nicht unterschätzen. Die Schiiten sind bereit, sich im Kampf – also im Krieg – zu opfern. In den Schlachten gegen die irakische Armee wurde das überdeutlich.

Bereits überstarker Druck birgt eine Gefahr. Bisher beteiligen sie sich Iraner nur in absoluten Ausnahmefällen am Terror-Krieg von Osama Bin Ladens oder Abu Mussa Sarkawis. Aber das muss nicht so bleiben. Ich bin zutiefst überzeugt, dass ein Iran-Krieg eine weitere Terrorwelle hervorbringen wird.

Denn in den Augen der beteiligten ist Terror Krieg. Er ist die Kriegsform der Schwachen, die Art wie sie sich gegen eine Supermacht zur Wehr setzen können, gegen deren Einheiten sie in einer offenen Schlacht nicht einmal die Spur einer Chance haben.

Auch in der Frage des Terrors gibt es eine unterschiedliche Sichtweise. So werden in Irak von der Mehrheit der Bevölkerung Attentate auf US-Soldaten als gerechtfertigte Kampfform gewertet. Auch Menschen, die mit den USA zusammenarbeiten und einen sofortigen Frieden wollen, begegnen Mitgliedern des „Widerstandes“ – wie sie im Irak genannt werden – mit Respekt. Sie verurteilen und Verabscheuen gleichzeitig Attentäter, die Anschläge auf Zivilisten ausüben. Diese Terrorakte werden nur von sehr wenigen Irakern befürwortet.

Kann Frieden bei dermaßen entfalteten Konflikten, bei diesen extrem unterschiedlichen Bewertungen derselben Sachbestände überhaupt eine Chance haben? Ich bin überzeugt, dass Frieden möglich ist und von der übergroßen Mehrheit der Beteiligten auch gewünscht wird.

Damit er geschaffen und gefestigt werden kann, muss ein gründliches Verständnis des Anderen – also der anderen Seite, der Gegner, der Feinde – entwickelt werden.

Zum Beispiel bedeutet dies für den Irak heute: Die Sunniten müssen ernst genommen und ihre Forderungen berücksichtigt werden. Dieses fehlende Eingehen auf die Gegner hat im Irak katastrophale Konsequenzen gehabt.

Statt Frieden zu stiften tobt ein neuer Krieg und statt die Terroristen zu schwächen, haben sie soviel Zulauf wie noch nie.

Um Konflikte zu lösen, bedarf es eines sehr überlegten Vorgehens. Vorschnelle Parteilichkeit versperrt nur zu schnell die Möglichkeiten, die Parteien für einen Kompromiss zu gewinnen. Vorschnelle Wertungen – also moralische Verurteilungen – blockieren Chancen, auf eine Konfrontation mäßigend einwirken zu können. Dazu auch ein Beispiel aus dem Irak: US-Soldaten, die ermordet werden, arbeiten im Irak im Glauben, den Menschen zu helfen. Die meisten von ihnen sind von ihren Auftrag überzeugt. Aber die irakischen Attentäter sehen in ihnen fremde – manchmal sogar ungläubige – Besatzer oder noch schlimmer Kämpfer einer Kreuzzugs-Armee. Es gilt zu akzeptieren, dass hier zwei Wertesysteme unterschiedlicher Kulturen aufeinanderprallen. Man kann diese militärische Konfrontation nur auf ein ziviles Niveau zurückführen, wenn man auf die Bedürfnisse beider Seiten eingeht. Der Ansatz des IKRK´s kann dafür als Beispiel dienen. Neutralität ist oftmals gefragte, als dies zu erwarten wäre.

Meine Damen und Herren, Friedensarbeit ist nicht einfacher sondern schwieriger geworden. So wünsche ich dieser Konferenz und der Luzerner Initiative für Frieden und Sicherheit nachhaltigen Erfolg.

Vielen Dank

Luzern

22. September 2005