Mehr als Bild und Ton

Vorwort zu Joe Sacco ›Palästina

Im Traum war ich wieder unterwegs auf der Strasse zwischen Ramallah und Nablus – auf dem Rücksitz eines Sammel-Taxis eingezwängt zwischen Palästinensern. Dabei bin ich seit Jahren nicht mehr die kurvige Strecke durch die kahle Hügellandschaft vorbei an den alten Dörfern der Palästinenser und den Siedlungen militanter Israelis gefahren. Aber Joe Saccos Zeichnungen haben mich aufgewühlt, wie es kein Fernsehbericht und auch keine Rundfunk- oder Zeitungsreportage schaffen konnte.

Es sind die Zeichnungen des sonst nicht Gezeigten, die beunruhigen. Die Banalität der Texte bewegt in ihrer Schonungslosigkeit. Aber erst in der Kombination liegt das Erschütternde, das Erfahrungen und Eindrücke wieder aufbrechen lässt. Kleine Geschichten mit Bildern, die anfangs beliebig und unbeholfen anmuten, treffen die Wirklichkeit gut oder sogar besser als klassische Reportagen. Joe Sacco schafft Zugang zu einem der großen politischen Konflikte der Neuzeit.

Muss man sich dieser Trostlosigkeit, die in der Form eines Comics daherkommt, aussetzen? Man sollte, denn an der beklemmenden Enge des palästinensischen Alltags hat sich in den vergangenen 20 Jahren wenig geändert. Ohne um die Traurigkeit und die Eintönigkeit des Lebens unter Besatzung in den achtziger und neunziger Jahren zu wissen, kann man die heutige Situation nicht verstehen. Der damalige Fatalismus, mit dem Gewohntes ertragen wurde, bildet den Nährboden für die heutige kompromisslose Militanz.

Joe Sacco beschreibt die Rebellion mit den Steinen von 1987 bis 1992 mit ihrem Leid, Elend und den Toten. Dabei war es eine Aufstandsbewegung, die Palästinenser und Israelis einander näher gebracht hat und einer historischen Einigung den Weg hätte ebnen können. Die Chancen für den Frieden nicht ergriffen zu haben, lasten sich Palästinenser und Israelis bis heute gegenseitig an. Doch dieses Beschuldigungskarussell entlastet die internationale Gemeinschaft nur scheinbar. Die Staaten der Welt haben es nicht verstanden, den Konflikt, dessen Patenschaft sie vor 60 Jahren durch ihrem UN-Vollversammlungsbeschluss übernommen hatten, mit einem Friedenswerk zu beenden.

Denn in der Intifada haben sich die jungen Palästinenser mit ihren Steinen nicht nur gegen Soldaten der israelischen Besatzungsarmee erhoben, sie haben den Mantel der Vergessenheit zerrissen, mit dem das Schicksal ihres Volkes verdeckt wurde. Nicht nur die israelische sondern auch die Welt-Öffentlichkeit nahm die Palästinenser plötzlich wieder wahr und auch ernst. Der von der internationalen Gemeinschaft weitgehend verdrängte Konflikt brach auf und schrie nach einer Lösung.

Den Politikern wurde vor Augen geführt, dass die Aufgabe zur Lösung des palästinensisch-israelischen Konfliktes nicht nur darin bestehen kann, den Staat Israel zu stützen und zu stärken. Doch die alte Gleichgültigkeit wurde durch die Intifada nur kurz erschüttert, denn bis heute bleibt es bei Lippenbekenntnissen oder naiven Initiativen, wenn es um die andere Aufgabe – die andere Seite – die Palästinenser geht. Dabei hat die Weltgemeinschaft 1947 mit ihrem UN-Beschluss, Palästina zu teilen, auch eine weitere Verantwortung übernommen: Die Schaffung eines Staates für die Palästinenser.

Zwar haben auch arabische Kriege gegen Israel die Bildung dieses Staates verhindert. Aber spätestens als israelische Truppen 1967 die palästinensischen Gebiete der Westbank und den Gazastreifen besetzten, war die internationale Gemeinschaft wieder ernsthaft gefordert. Doch sie erwies sich als überfordert, blieb untätig, beließ es bei folgenlosen UN-Resolutionen und setzte auf Zeit. Der Glaube, Narben würden historisches Unrecht überwuchern, erwies sich wie so oft als trügerisch. Aus der Rückschau ist es kein Zufall, dass auch die Chance der Aufstandsbewegung nicht genutzt wurde.

Der 60 Jahre alte Dauerkonflikt eskaliert weiter, weil die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern wegen der strukturellen Probleme zunehmen müssen. Am Beispiel des Gazastreifens wird deutlich, dass auch heute der Zyklus, der Gewalt gebiert, nicht durchbrochen ist. 1,5 Millionen Menschen leben seit 2007 unter einer israelischen Blockade. In Gaza-Stadt gibt es in vielen Quartieren nur stundenweise Strom und in einigen Stadtteilen manchmal tagelang kein Wasser. Jeder zweite junge Mann ist arbeitslos. Das Leben und die Würde – vor allem der Kinder – sind nicht gesichert. Arme Familien verkaufen Hab und Gut, um nicht zu verhungern. Wie können in solch einer Atmosphäre Hoffnungen auf Frieden auch nur geträumt werden?

Wünsche nach Kampf und Rache prägen das Denken vieler. Daran kann sich nichts ändern, denn durch kleine und große Schikanen, durch mit militärischen Mitteln aufrecht erhaltene Zwangsmaßnahmen bleibt der Gazastreifen das größte Gefängnis der Welt. Stipendien verfallen, weil Studentinnen oder Studenten nicht ausreisen dürfen, um ausländische Universitäten zu besuchen. Kinder können ihre inhaftierten Väter nicht in israelischen Lagern und Gefängnissen besuchen. Israel schneidet die Bewohner des Gaza-Streifens von der Außenwelt ab und verbietet ihnen sogar Im- und Exporte.

Erneut schweigt die internationale Gemeinschaft, obwohl sie stärker denn je gefordert ist. Welch täglicher Schikanen bedarf es eigentlich noch, bis klar wird, dass Israel aus eigener Kraft nicht mehr friedensfähig ist. Die Medien berichten zurückhaltend, weil die immer ähnlichen Geschichten über Not, Elend und Verzweiflung in Gaza ermüden. Politiker, die glauben, mit Gewalt ließen sich die Probleme lösen, stehen nicht in der Kritik. Dabei haben weder der Einsatz von Soldaten gegen Steine werfende Jugendliche Anfang der neunziger Jahre noch der Einmarsch der Armee nach Gaza Frieden gebracht oder Probleme gelöst.

Bis heute sind nicht einmal die Schäden des Krieges von Dezember 2008 und Januar 2009 beseitigt. Viele der zerstörten Wohnungen wurden nicht wieder aufgebaut. Zwar gibt es Geld aus internationalen Hilfsprogrammen, doch Baustoffe dürfen nicht importiert werden.

Knapp zwanzig Jahre, nachdem Joe Sacco seinen Journalisten in den kargen Zimmern palästinensischer Flüchtlinge die Misere während der Ausgangssperre erleben lässt, hat sich an Not und Elend wenig geändert. Zwar fehlen heute Englisch-Lehrer wie Larry aus den USA, aber die Helfer internationaler Organisation stehen im Kampf gegen Armut und Trostlosigkeit auf genau so verlorenem Posten wie damals. Israelische Soldaten haben ihre Camps geräumt und Schneisen, die Bulldozer der Armee durch Flüchtlingslager gebrochen haben, sind zugewuchert. Doch statt der Besatzung der siebziger und achtziger Jahre verhindert heute eine Belagerungsring der israelischen Armee die Entwicklung einer Normalität, in der Hoffnung keimen könnte. Die Spuren des 22 Tage langen Krieges ähneln denen in einem Erdbebengebiet, ohne dass sie beseitigt werden können.

Immer wieder outen sich israelische Soldaten, die von ihren Offizieren zu Kriegsverbrechen gezwungen worden sein sollen. Dass Hamas-Kämpfer die Taktik anwandten, Zivilisten als Schutzschilder zu benutzen, ist bekannt. Doch auch israelische Soldaten sollen bei Angriffen Deckung hinter Palästinensern gesucht oder vorsätzlich Zivilisten getötet haben. Wenn bis heute medizinische Hilfe behindert wird, wie können dann Traumata überwunden werden, die in einem Krieg zum Beispiel durch das Erleben von Bombeneinschlägen oder den Tod von Verwandten ausgelöst werden. Ohne die Verarbeitung der schrecklichen Ereignisse kann kein Frieden geschaffen werden.

Heute können Journalisten wieder aus dem Gaza-Streifen berichten, so sie einen israelischen Presseausweis haben. Nur reden Palästinenser nicht mehr so offen und unbefangen wie 1991. Statt auf Hoffnungslosigkeit stößt man bei Gesprächen heute auf zunehmende Verbitterung. Kritik an der Hamas wird hinter vorgehaltener Hand geäußert. Bereicherten sich früher die Kader der Fatah, so kommen heute die Funktionäre der Hamas zu Wohlstand. Familien, die nicht mit der Hamas kooperieren, leben im Elend. Besitzer zerstörter Häuser werden mit 4000 Dollar abgespeist. Nur kann man davon nicht einmal Behelfsheime errichten, selbst wenn es Baumaterialien gäbe. Enttäuschung über fehlende internationale Unterstützung und Angst vor dem langen Arm der militanten Organisationen drängen Menschen zunehmend in Isolation. Es droht ein Kartell des Schweigens und des Verschweigens, wie es sich die Mächtigen in Israel und im Gaza-Streifen wünschen könnten.

All das lässt sich erahnen, wenn man Joe Saccos Bildergeschichte liest. Denn er schildert und zeichnet auch das Leben der Insassen von Gefängnissen und Lagern der israelischen Besatzer. Damals wurden junge Palästinenser drangsaliert und gefoltert, die heute an führender Stelle in den Reihen der Hamas den Aufstand organisieren. Die Szenen aus den Gefängnissen sind schockierend und wurden auch während der ersten Intifada in Berichten der Medien nur zu oft ausgeblendet, da es keine Bilder gab. Doch die politische Blockbildung unter den Gefangenen in den Internierungslagern, die keinen Raum für freies Denken ließ, hat sich ausgebreitet und lähmt die Entwicklung einer gewaltfreien Kultur.

Erschwert die militärische Belagerung im Gazastreifen die Entfaltung einer palästinensischen Zivilgesellschaft, so blockieren in Ost-Jerusalem und den palästinensischen Gebieten der Westbank zusätzlich israelische Siedlungen einen Frieden. Joe Sacco beschreibt die Auswirkungen der Siedlungen zwischen Hebron und Nablus als schleichende Besetzung mit ihren unterschiedlichsten Folgen. Schon 1991 wird deutlich, welche Belastung die Siedlungen für das Alltagsleben der Palästinenser bildeten.

Wenn man durch die Westbank fährt und die israelischen Siedlungen mit ihrem getrennten Strassennetz sieht, spürt man, wie schwer es sein wird, einen palästinensischen Staat zu bilden. Ohne die Auflösung eines großen Teiles der Siedlungen kann es keinen dauerhaften Frieden geben. Joe Saaco hat bei seinen Gesprächen die Geschichten des Kleinkrieges zwischen Siedlern und Palästinensern gehört. Heute verläuft ihr Leben weitgehend parallel, aber die Palästinenser sind durch die Siedlungen gedemütigt und politisch gelähmt. Sie sehen in den neuen Bauten einen Beweis, dass die Israelis keinen Frieden mit ihnen schliessen wollen.

Forderungen von US-Präsident Obama, den Siedlungsbau zu beenden, werden von der israelischen Regierung mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit eines natürliches Wachstums bestehender Siedlungen nicht akzeptiert. 271+000 Siedler leben inzwischen in den palästinensischen Gebieten. Zusätzlich 191+000 in Siedlungen nahe Jerusalem, die von den Palästinensern ebenfalls nicht akzeptiert werden. In Friedensplänen wurde immer wieder ein Einfrieren der Bautätigkeit vereinbart, doch die Zahl der israelischen Siedler wächst seit Jahren etwa dreimal so schnell wie die der Bevölkerung Israels.

Mit den Fakten aus Stahl und Beton und den Verbindungsstrassen nach Israel werden die palästinensischen Gebiete zerschnitten und die Bildung eines Staates täglich erschwert und mehr und mehr unmöglich gemacht. Sollte die Siedlung Mevasseret Adumim östlich von Jerusalem verwirklicht werden, würde die Westbank endgültig geteilt und Ost-Jerusalem von israelischen Siedlungen eingeschlossen.

Zwar wurde in Friedensplänen und Vereinbarungen immer wieder ein Stopp der Siedlungsbauten vereinbart oder angemahnt. Aber seit dem Oslo-Abkommen von 1993 hat sich die Zahl der Siedler verdoppelt. Subventionen und Steuervergünstigungen bilden den Anreiz für das schnelle Wachstum. Der Einfluss der Siedler in der israelischen Gesellschaft wird immer größer. In den israelischen Streitkräften verfügen sie heute über Schlüsselstellungen.

So wird eine Räumung von Siedlungen, wie sie von Palästinensern als Voraussetzung für einen umfassenden Frieden gefordert wird, kaum noch durchzusetzen sein. Selbst wenn es zu einem Stopp der Siedlungsbauten kommen sollte, würde sich das Verhältnis zwischen Palästinensern und Israelis nur verbessern, wenn die Einschränkungen bei der Bewilligung palästinensischer Wohnungsbauten in Ost-Jerusalem aufgehoben würden. Wegen ihre Bevölkerungszunahme müssen Palästinenser Jerusalem verlassen, weil sie keinen Wohnraum mehr finden.

Es sind die kleinen Probleme, die die Bildung eines palästinensischen Staates be- und in ihrer Summe verhindern. Eine absurde Situation, weil die Palästinenser auf die Gründung ihres Staates nicht verzichten werden, die Gründung eines Staates, ohne die Israel nicht in Ruhe und Frieden existieren kann. Vor 40 Jahren waren es Anschläge auf Flugzeuge, Anfang der neunziger Jahre Steine in der Intifada und 2008 Raketen, mit denen radikale Palästinenserorganisationen Israel bekämpften. Wer will glauben, dass die Spirale der Gewalt ein Ende hat, solange kein lebensfähiger Palästinenserstaat entsteht.

An diplomatischen Initiativen oder sogar israelisch-palästinensischer Absprachen und Abkommen fehlt es nicht. Doch die bilden keinen Ersatz für ein echtes Bemühen, Frieden zwischen Palästinensern und Israelis zu stiften. An der fehlenden Durchsetzung unterschiedlichster UN-Resolutionen wird die Halbherzigkeit der internationalen Staatengemeinschaft deutlich. Dies begann bereits mit der UN-Resolution Nummer 181. In ihr wurde 1947 zwar die Teilung Palästinas beschlossen, aber anschließend fehlten die Maßnahmen, eine friedliche Lösung des Problems durchzusetzen.

Welch hohen Preis die Palästinenser bis heute für dieses internationale Versagen zahlen, zeigen die Bildergeschichten Joe Saccos. Er nutzt Sarkasmus und Selbstironie als Stilmittel, um von der Ausweglosigkeit der Situation abzulenken. Das ist angemessen. Denn obwohl gerade Politiker die ungelösten Probleme kennen, erwecken sie Hoffnungen, um vom vorhersehbaren Scheitern unzureichender Initiativen abzulenken. Kein US-Präsident, der sich in den vergangenen 20 Jahren nicht versucht hätte, den Nahost-Konflikt zu lösen. Doch ihr Scheitern macht deutlich, welch gewaltiger Anstrengungen es bedarf, um Frieden zwischen Palästinensern und Israelis zu schaffen.

Friedenspläne in Palästina erfordern Friedenstruppen, politische Ruhe erfordert wirtschaftliche Stabilität. Billionen Dollar wurden und werden für eine Stabilisierung Iraks und Afghanistans ausgegeben. Zur Lösung der Konflikte in diesen Ländern gehören Militäreinsätze, politische Initiativen und Programme für den wirtschaftlichen Aufbau. Wenn es um den Mittleren Osten mit dem Krisendreieck Iran, Irak Afghanistan geht, sind sich die mächtigsten Staaten der Welt einig. Für diese Region scheuen Politiker keine Mühen, Konfliktlösungen zu suchen. Warum die Gleichgültigkeit, wenn es um das Schicksal von zehn Millionen Israelis und Palästinensern geht. Joe Saccos führt in seinem ›Palästina‹ mit Worten und Zeichnungen das Plädoyer, weshalb sich dies ändern muss.

 

Joe Sacco

PALÄSTINA

ISBN 978-3-03731-050-2

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