Das unbekannte Andere

Eröffnungsreferat zu den Weltfilmtagen Thusis am 7. November 2008

Als Thema habe ich mir das „Unbekannte Andere“ gewählt. Natürlich wird damit nur ein Teil des Inhaltes der Weltfilmtage abgedeckt. Denn oft werden Probleme in anderen Teilen der Welt dargestellt, die den unsrigen sehr ähnlich sind. Das „Andere“ sehen wir somit als etwas uns „Gewohntes“. Mich interessiert aber das „Andere“, das uns ungewohnt oder unbekannt ist und auf das ich bei meiner Arbeit permanent stoße.Dieses „Andere“ bildet oft eine Barriere. Doch wenn man sie nicht als eine Herausforderung begreift und versucht, zu überwinden, steigt die Gefahr, sich in Vorurteilen zu ergehen und diese damit zu kultivieren. Praktisch wird das eigene Unvermögen kaschiert.

Begriffe wie „Entwicklungspolitik“ und „Entwicklungshilfe“ sind so gefährlich, weil sie genutzt werden können, kulturelle, politische und wirtschaftliche Vorherrschaft zu sichern, in dem sie das Andere unterdrücken. Katastrophal wird es, wenn diese Entwicklung militärisch erzwungen werden soll. Sie wissen, worauf ich hinaus will. Schließlich arbeite und berichte ich im und über den Orient. Irak und Afghanistan bieten Beispiele einer kaum noch zu überbietenden Arroganz.

Krieg ohne hinreichende Beweise für ihre Notwendigkeit – also ohne internationale und ohne moralische Legitimation – kann man eigentlich nur gegen „das Andere“ führen. Begründungen werden gefertigt, damit sie den Interessen der Mächtigen entsprechen und deren Politik rechtfertigen. Statt Aufklärung zu finanzieren, werden – meist mit Steuergeldern – Kampagnen bezahlt, die die Akzeptanz für fragwürdige Entscheidungen vorbereiten oder diese rechtfertigen sollen, wobei die angesprochene Probleme meist nicht gelöst, sondern sogar vergrößert werden. Als Journalist spüren Sie die Arbeit von Spin-Doktoren, diesen gekauften Manipulatoren, ohne beweisen zu können, was oder sogar dass inszeniert wird.

Der Raum für Diskussionen und Debatten wird verengt, wenn die Werte der Zivilisation und die Ideale der Demokratie beschworen werden, um machtpolitische Ziele durchzusetzen. Die Kriege in der Geschichte haben gezeigt, wie wichtig es für die Mächtigen ist, Kritiker in den eigenen Reihen auszuschalten. Sie erinnern wahrscheinlich den Irak-Krieg von vor vier Jahren nur zu gut, und Sie wissen, wie umstritten er war. Als Berichterstatter war ich oft froh, dass ich nicht über die Legitimität zu urteilen hatte, denn ich konnte diese Frage nicht beantworten und ich wollte dies auch nicht. Auch die Iraker waren damit überfordert. Auf meine entsprechenden Fragen bekam ich oft keine Antwort. An dem geringen militärischen Widerstand, den die irakischen Streitkräfte gegen die Invasionstruppen geleistet haben, wurde die Unsicherheit der Iraker deutlich, die nicht bereit waren, ein illegitimes Regime zu verteidigen.

Der eigentliche Widerstand gegen die ausländischen Soldaten begann Wochen nach dem Sturz Saddam Husseins. Dies ist aus der Rückschau einfach zu erklären. Eine ganze Kette von Fehlern der US-Invasoren nutzten die Feinde der USA, um einen Aufstand vor allem der Sunniten zu organisieren. Diese Rebellion war ein zweiter Krieg und wurde mit einer für Mitteleuropäer kaum nachvollziehbaren Aggressivität geführt. Die Gründe für die Erbitterung sind nicht so leicht zu verstehen. Doch es wäre zu einfach, die Aufständischen als Fanatiker abzutun.

Dabei bleibt es für einen Außenstehenden auch vor Ort schwierig, die Motive derjenigen, die gegen Ausländer zur Waffe greifen, zu erkennen. Denn die Quellen des Hasses, dem die Aggression zu Grunde liegt, entspringen einem anderen kulturellen Kontext. Fremden gegenüber reden die Akteure nicht offen oder – und das ist viel wichtiger – es gibt keine Sprache, in der die Probleme kommuniziert werden können. Doch im Medium Film können die Emotionen und Beweggründe sichtbar werden, ohne dass es einer rationalen Erklärung bedarf. Und deshalb würde ich jetzt gern ein kurzes Doku-Drama einspielen. Der Regisseur Ali Jasim arbeitet für eine westliche Nachrichtenagentur. Er hat in den vergangenen Jahren auch für mich immer wieder Beiträge geschnitten, die Sie in den abendlichen Fernsehnachrichten gesehen haben. Ali Jasim tritt bescheiden auf – keine Spur von Aggressivität, ein Familienvater Mitte 40. Er kommt immer, wenn er gerufen wird. Noch am Mittwoch habe ich in Bagdad im Hotel Palestine mit ihm ein Stück gefertigt. Ali Jasim schneidet während seiner Arbeit Beiträge, deren Inhalt er ablehnt und nicht akzeptiert. Aber neben seinem Job, von dem er lebt, produziert er aufregende Filme.

Vor gut einem Jahr hat er mir nach getaner Arbeit ein Beispiel gezeigt: „Atem ohne Leben“. Ich war irritiert. Mal sehen, ob Sie es auch sind. Sie erleben eine Uraufführung:

ATEM OHNE LEBEN

Drehbuch: Ali Jasim

Sprecher: Ihsan Al-Khaledy

Kamera: Majed Tamur,Waleed Khidr

Schnitt: Ali Jasim

Regieassistenz: Ragheed Qais

Regie: Ali Jasim

Wie betäubt bewege ich mich in meinem Land

sehe nichts von mir als meinen Schatten…

Wie sehr wünschte ich meinem Schatten

er könnte den Schatten

der Vögel und Bäume berühren

Und nicht Schwerter und Blut…

Nicht Feuer und Explosionen….

Ich habe kein Zuhause in meinem Land –

Nicht einmal eine Bleibe.

Ich habe nur meinen Schatten

der von Panzern und bösen Gruppen überrollt wurde.

Fremd, unter der Last meines

Einwanderer-Schattens,

habe ich Sätze vernommen,

die Sätze ahnungsloser Besatzer,

die von fern kamen

und von Regierungen, die nichts tun,

als Slogans zu ihren Gunsten zu verbreiten

So werde ich meinen Namen nicht nennen,

weil man keine rote Linie überschreiten sollte.

Wer sie kreuzt, hat alle sieben Sünden begangen

Schatten erzählen uns, erfüllt von Trauer:

Als die amerikanischen Truppen kamen,

hat kein Mensch in Irak davon profitiert…

außer denjenigen, die mit

den Truppen kamen…

Die normalen Iraker sind immer

noch dieselben Armen

und Misshandelten, und es mag

noch schlechter für sie werden.

Wir alle fühlten auf einmal, dass

wir unsere Menschlichkeit verloren

hatten wegen der Amerikaner…

Morde, Vergewaltigungen, drohende Verhaftung –

manchmal fühlten wir uns,

als seien wir Fremde hier,

als seien wir nicht aus diesem Land…

Fremde in unserem Hause…

JA, Fremde in meinem Haus.

Es geschah nichts Gutes, als die Truppen kamen,

im Gegenteil es wurde noch viel schlimmer…

Morden und Plündern vor ihren Augen,

und sie taten nichts.

Familien flüchteten aus ihren Häusern,

es gab keine Sicherheit –

all das war nicht so bevor sie kamen.

Natürlich hat Amerika nicht

den langen Weg hierher gemacht,

um den Irakern zu helfen …

Amerika kam zu seinem eigenen Vorteil.

Es ist bisher nichts besser geworden

Durch die Anwesenheit der Amerikaner…

das Leben hat sich

zum Schlechten verändert.

Schulen, Ausbildungsbedingungen,

die Situation generell…

unser normaler Alltag hat sich

unglaublich verändert…

seitdem die Amerikaner hier sind.“

Schatten leben in den Ruinen…

Schatten, die sich bewegen… und

zusammenbrechen werden…

Schatten, die sich mit dem Wind

in jede Richtung biegen.

Die sich nicht rühren, selbst wenn

es am hellen Mittag dunkel wird.

Schatten wechseln hinter den Barrikaden,

hinter denen die Zeit

ihre Haut gezeichnet hat.

Eingewanderte Schatten…

Schatten ohne Ziel…

Führerlos auf Reisen.

„Schaut die Welt zu!“

Nichts ist vollkommen, also lass

nicht vom angenehmen Leben verführen.

Zeiten ändern sich, wie Du gesehen hast …

Wer sich einmal freut, wird

vielleicht später öfter weinen.

Wer bist du, dass du die Wunden der Zeit

nicht auf Dich nehmen willst …

wenn du nicht aufwachst …

wird die Zeit für Dich aufwachen.

Schwache bitten uns um Hilfe …

Sie sind verletzt und Gefangene

und niemand antwortet ihnen.

Oh Gott,

Mutter und Neugeborenes

wurden auseinander gerissen…

Seelen und Körper getrennt.

Ein Kind scheint wie die Sonne…

wie Korallen.

Böses geschieht um des Bösen Willen …

Augen voll Tränen und

das Herz gebrochen.

Denn das Herz bricht,

wenn es voll Glauben ist.

Ende:

Dieser Film ist den Unbekannten gewidmet

In meinen Augen ist diese andere Sicht des Konfliktes nicht aggressiv – sie ist eher resignativ. Wir sehen keinen Lobgesang auf Aufständische. Die Explosionen werden zu Symbolen einer Gewalt, die sich verselbstständigt hat und sich gegen Unbeteiligte richtet. Eigentlich kannte ich all das, was in diesen acht Minuten zu sehen ist. Aber Ali Jasims Film hat mir die Augen weiter geöffnet.

Die eindringende Macht erhält geisterhafte Züge. Sie weckt mit ihrem Auftreten in der Gesellschaft schlummernde Geister: die Bereitschaft zum Terror – die unglaubliche Brutalität. In diesem Film sind die Anderen nicht Leidende, denen man helfen will, sondern Menschen, denen der Lebensraum genommen wird. Sie werden verdrängt.

Globalisierung wird zur Gewaltwelle, die Gewalt hervorbringt. Diese Komplexität kann Kunst – also gerade auch Kino – bewältigen. Das Fernsehen stößt an Grenzen. In einem Nachrichtenbeitrag kann ich solch komplexe Zusammenhänge in knapp zwei oder allenfalls vier Minuten nicht darstellen – Gefühle der Betroffenen schon gar nicht. In der Nachricht geht mit den Zwischentönen regelmäßig das Menschliche verloren. Dabei ist das Leid der Anderen sehr einfach nachzuvollziehen – wenn man will. Mit dem immer wieder verwendeten Stereotyp „klagende Frauen“ kann dieses Defizit nicht ausgeglichen werden.

Stereotyp und Symbolik liegen eng beieinander. Einem Fernsehzuschauer mag die eingetretene Tür banal – weil bekannt – vorkommen. Für die Betroffenen stellt sie jedesmal aufs Neue eine Kriegserklärung dar. Kein Wunder, dass selbst in diesem kurzen Film eine eingetretene Tür eine zentrale Rolle spielt. Solche Tritte haben Konsequenzen in der orientalischen Kultur. Von ausländischen Soldaten als in der Ausbildung gelernte Routineaktion verpflichten diese Tritte die Betroffenen zur Vergeltung, also zur Rache. Und diese muss von der Familie, der Sippe oder dem Stamme vollzogen werden. Eine Selbstverständlichkeit im Rechtssystem der Beduinen.

Praktizieren ausländische Soldaten das Eintreten von Türen über Jahre, deuten Betroffene dies als Zeichen, dass Gewalt eskaliert werden soll. Selbst wenn diese Absicht nicht vorliegen sollte, bleibt das Eintreten von Türen Symbol für ein Allmachtgefühl, dem durch großen Materialeinsatz und technologische Überlegenheit Vorschub geleistet wird.

Leider findet diese Sicht in der bei diesem Krieg wirklich wichtigen Berichterstattung – also bei den US-Medien – keinen angemessenen Raum. Da wird nicht nur Manipulation deutlich, sondern die hinter den Medien agierende politische Macht. Erst nach der Niederlage der Republikaner bei den Mid-Term-Wahlen im Herbst 2006 verständigten sich die großen US-Medien darauf, die militärische Konfrontation im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins als das zu benennen, was sie schon lange war – nämlich ein neuer Krieg.

Aber im Krieg werden Medien schnell zur Partei. Es fällt ihnen schwer, dem vermeintlichen Feind ein menschliches Antlitz zu verleihen. Das Alte Testament macht es den Gläubigen leicht: „Liebe Deinen Nächsten und hasse deinen Feind“ erfordert keine Differenzierung. Ganz anders werden die Feinde im neuen Testament gesehen. Bestimmte Passagen scheinen George Bush, dem Oberkommandeur der US-Streitkräfte unbekannt zu sein, auch wenn er sich noch so gern auf seinen christlichen Glauben beruft. Dabei lässt die Botschaft von Apostel Lukas in Kapitel 6, Vers 27 keinen Zweifel: „Liebet Eure Feinde und tuet denen Gutes, die euch hassen.“ Von Liebe ist beim Auftreten der US-Streitkräfte wenig zu spüren, Hass bildet regelmäßig die Richtschnur der Einsätze. Menschlichkeit wird vergessen, dabei stellt sie nur den ersten Schritt dar, um die Gegenseite zu verstehen.

Selbst das Schreckliche darf nicht durch eine Brille der Feindschaft gesehen werden, sonst kann die andere Seite nicht verstanden werden. Denn eines müssen Sie wissen: Meist fühlen sich Terroristen als Helden, die für das Gute kämpfen. Aber sieht man den Konflikt verkürzt, erstarren die Feindbilder und der Kampf – also der Krieg – nimmt Züge einer letzten Schlacht an, als ob er in ein Armageddon mündet.

Nach meinem Verständnis kommt Journalisten in solchen Konflikten auch die Aufgabe zu, die andere Seite zu zeigen. Doch dies gelingt immer seltener. Denn Journalisten suchen nur zu oft die Nähe der Mächtigen oder unterliegen den Einflüsterungen der Spin-Doktoren oder – und diese Tendenz nimmt leider zu – sind an Weisungen und Konzepte von Redaktionen gebunden. Und die Berichte werden immer kürzer. Mit Infotainment auf Kosten von Analysen soll das Publikum gefesselt werden. Und wie in der Musik wird der Rhythmus immer schneller. Nachrichtliche Berichte im Minutentakt sind heute keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Und ich rede hier nicht von Pop-Sendern, sondern von großen Anstalten. Das „Andere“ wird als das Fremde und nur zu oft als das Feindliche gesehen, weil ja kein Wille und auch keine Zeit mehr besteht, die Gegenseite in all ihren Facetten zu zeigen.

Diese Sicht der anderen Seite fällt auch deshalb so leicht, weil die „Anderen“ uns ja scheinbar immer ähnlicher werden. Sie benutzen die gleichen Computer, die gleiche Software und im Krieg oft die gleichen Waffen. Und wenn es diese Ähnlichkeiten gibt, dann können sich die beiden Seiten eben nur noch dadurch unterscheiden, dass man sie in eine gute und eine böse trennt.

Dieses Muster ist in den Köpfen weit verbreitet und hat sich zu einem Klischee verfestigt, das man jeder Situation überstülpen kann. Die Werte der Blockbuster aus Hollywood wurden verinnerlicht und bilden Richtschnur in Krieg und Frieden. Das „andere“ Hollywood spielt keine Rolle. Dabei gibt es andere Filme, die das Klischee von Gut und Böse nicht als Grundmuster nutzen oder sogar deren Absurdität zeigen. Diese Filme bieten die Chance, zu erkennen, wie die „Anderen“ denken und fühlen.

Solche Filme nehmen dem „Anderen“ das Fremde – Fremdes, in dem nur allzu leicht und leider eben auch allzu oft Feindliches gesehen wird. Wer Fremdes erklärt und damit verhindert, dass es als Feindbild dienen kann, leistet einen gewaltigen Beitrag zur Völkerverständigung. Und das können Filme.

Diese Aufgabe stellt sich heute dringlicher denn je. Zwar ist das Selbstgefühl des aufgeklärt Seins im Abendland so entwickelt wie nirgendwo anders auf der Welt. Dennoch wäre es Selbstbetrug, zu meinen, dies reiche aus, um die Probleme der Welt erkennen und sogar lösen zu können. Wir merken gar nicht, dass sich die Welt wesentlich schneller entwickelt, als die Sicht, die wir von ihr haben.

Die Unterschiedlichkeit der Kulturen ist durch die wirtschaftliche Globalisierung nicht beseitigt oder auch nur weitgehend abgeschwächt worden. Nein – die Globalisierung hat Widerstände hervorgerufen. Menschen, die an althergebrachten Lebensformen und deren Wertemustern festhalten, verteidigen von ihnen Gewohntes und nutzen es als Waffe zur Abwehr des Andersartigen. Toleranz heißt auch, diese anderen Lebensformen und Wertemuster zu akzeptieren und in ihnen Kulturen und möglicherweise sogar Zivilisationen zu erkennen.

Ganz schön viel verlangt vom Kino. Aber die Filmemacher sind nicht allein, auch wenn sie große Aufgaben haben. Filme können tiefen Eindruck hinterlassen oder gar prägen. Gerade weil sie etwas zeigen, das im Fernsehen nur selten geboten wird und das auch auf Fernreisen nicht so einfach zu erkennen ist.

Denn gerade in der künstlichen Welt der Ferien-Resorts verkommt die dort ursprünglich beheimatete Kultur inzwischen zur Kulisse, da sie sehr oft abgewandelt dargeboten wird. Es geht den Anbietern darum, Touristen zu gefallen oder sie zu unterhalten. Wer kennt nicht die Texte von Liedern, auf die Volksmusiker so gern zurückgreifen, um die Natur zu verniedlichen. Auch in den Alpentälern kann man diese Regression traditioneller Kultur beobachten. Ursprünglich wurde die Natur im Liedgut so dargestellt, wie Menschen sie erfahren: gewaltig und gewalttätig. Doch mit der Zunahme des Touristenstromes erfolgt eine Verniedlichung der Naturgewalten. Besungen werden himmlische Zustände auf der Alp, die Härte des Lebens in der Bergwelt wird Fremden unterschlagen.

Volksmusiker übermitteln die alten Werte meist nur noch scheinbar, die ursprünglichen Lebensverhältnisse oft unverständlich. Besungen werden nicht reale Lebensverhältnisse, sondern deren Idylle. Wenn in der eigenen Heimat Konflikte schön gesungen werden, wie soll man sie dann in der Fremde verstehen. Wir verlernen die Fähigkeit, das Alte zu erkennen, wobei es uns doch immer noch stark prägt.

Wenn man diese Problematik auf das „Fremde“ überträgt, entsteht eine zusätzliche Schwierigkeit, den Alltag zu verstehen. Denn der kann auch durch untergegangene Lebensverhältnisse geprägt sein, ohne dass die dort Lebenden sich dessen bewusst sind. Wenn man nicht einmal die eigene Situation als Ergebnis von Geschichte begreift, wie schwer ist es dann, die Geschichtlichkeit des Fremden zu begreifen.

Auch das macht die Schwierigkeit eines Dialoges der Kulturen aus, treffen diese doch meist in verfremdeter Form aufeinander. So findet der Dialog der Kulturen zwar statt, immer und überall, doch in der Regel nur in einer verzerrten Form.

Im Orient werden Türen eintretende Soldaten zu Symbolen des Westens, und im Okzident sind es islamische Selbstmordattentäter, die das Bild prägen. Diese Rahmenbedingungen erschweren einen Dialog, zu dem es keine Alternative gibt.

Ein echter Dialog kann nur geführt werden, wenn das „Andere“ auch in seiner Eigenart begriffen und als Partner akzeptiert wird. Gegenüber dem Orient haben wir im Westen einen großen Nachholbedarf. Und dieser notwendige Dialog ist ein Beitrag, um zu verhindern, dass die Auseinandersetzungen zwischen dem Westen und dem Mittleren Osten nicht mehr so schnell in Kriege münden wie in den vergangenen 20 Jahren.

Wir sollten uns fragen: Warum hat es so viele Kriege mit direkter oder indirekter westlicher Beteiligung außerhalb des westlichen Kulturraumes gegeben? Warum sind die Konflikte nicht diplomatisch gelöst worden? Warum haben die Dialoge in der Vergangenheit so wenige Früchte getragen?

Ein Faktor ist die Gleichgültigkeit, die zu schwindender Anteilnahme führt. Im Ersten Golfkrieg, dem Krieg zwischen Irak und Iran von 1980 bis 1988, starben fast zwei Millionen Menschen. Statt für eine Ende des Tötens einzutreten – nirgendwo auf der Welt starben in einem zwischenstaatlichen Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg so viele Menschen wie in diesem – belieferten West und Ost beide Parteien mit Waffen. Die Region mit ihren gigantischen Erdölvorkommen sollte ausbluten. Im Afghanistan-Krieg der achtziger Jahre war es ähnlich. Wer gegen die Sowjet-Truppen kämpfen wollte, wurde finanziert, ausgerüstet, trainiert und politisch unterstützt. Die so Geförderten leisteten einen besonderen Beitrag. Eine Million Afghanen starben bei der Vertreibung der Sojwet-Truppen, die Heimat eines ganzen Volkes wurde zerstört.

Dass am Hindukusch seither Hass die Politik prägt und sich dieser Hass Jahre später gegen Soldaten aus NATO-Staaten wendet, darf aus der Rückschau nicht wundern. Denn wer Wind sät, wird Sturm ernten. Und wie begleiteten Medien diese Entwicklung: Mit Reportagen. Doch Hauptinhalt waren nicht Leid und Elend kriegführender Parteien, sondern der heroische Kampf wild aussehender Aufständischer, die folkloristisch verkauft wurden. Heute lassen sich die Medienvertreter nicht mehr bei der Guerilla embedden, sondern bei ausländischen Soldaten. Das kostet noch weniger, als wenn man die Gastfreundschaft von Afghanen ausnutzt. Hier wird Journalismus nicht anspruchsvoll betrieben, sondern verkommt noch weiter zur Kumpanei mit politischen Drahtziehern, wo immer die sitzen mögen. Dann darf man sich nicht wundern, wenn die Beteiligten – oder besser die Ausgenutzten – vor Ort Skepsis und Ablehnung entwickeln und den wiederkehrenden Journalisten nicht mehr das Vertrauen entgegenbringen, wie bei deren ersten Auftreten.

Nicht nur vor diesem Hintergrund müssen wir Europäer lernen, unsere Ansprüche zurückzuschrauben – eben auch bei globalen Auftritten. Dabei denke ich nicht nur an eine Reduktion der Konsumansprüche. Sondern es geht um den Abbau einer kulturellen Arroganz, mit der wir auftreten.

Die Zivilisation für sich in Anspruch zu nehmen, bildet den Kernpunkt dieser Arroganz. Asiatischen Kulturräumen billigt man zu, Stätten der Wiege oder früher Phasen der Zivilisation zu sein. Doch spätestens seit der Aufklärung wird die Zivilisation in Europa angesiedelt. So spricht man bezeichnenderweise vom Dialog der Kulturen und gerade nicht vom Dialog der Zivilisationen.

Der Kern des Eurozentrismus besteht darin, die Zivilisation für sich zu beanspruchen. Doch diese Sicht der Dinge ist antiquiert. Sie entspringt kulturellen Erfolgen, die vor dem Hintergrund des Kolonialismus und des Imperialismus erzielt wurden. Dieses Weltverständnis wurde in einer historischen Epoche entwickelt, in der Europa tatsächlich das Zentrum der Weltentwicklung bildete. Doch die aktuellen weltweiten Kräfteverschiebungen sind kolossal, Europa ist nicht mehr der, sondern nur noch ein Kontinent, wenn es um die künftige Entwicklung einer globalen Zivilisation geht. Aus chinesischer Perspektive erscheint Europa nur als ein Fleck auf dem Globus, selbst wirtschaftlich nur noch relativ bedeutsam. Als Lehrmeister werden Europäer langfristig nicht mehr akzeptiert werden. Das Verständnis dieser Komplexität erfordert eine Änderung unseres Bewusstseins und dieser Prozess erfordert Muße – Muße, wie man sie im Kino noch finden kann.

So möchte ich Sie ermuntern, Filme aus aller Welt auf sich wirken zu lassen. Und den Machern der Filme kann ich nur sagen: Werden Sie nicht müde, Barrieren niederzureißen und lassen Sie sich nicht missbrauchen – selbst wenn das große Geld in Hollywood lockt. Die Veranstalter der Weltfilmtage möchte ich aufmuntern: weiter so.